Mythos Europa
Mythos Europa – Klänge Europas
Europas Geist wurzelt in der Antike und der Name unseres Kontinents wird seit dem Altertum mit der mythologischen Gestalt der Europa in Verbindung gebracht. Der Sage nach lebte sie als phönizische Königstochter an der Küste des heutigen Libanons. Von Göttervater Zeus wurde sie nach Kreta entführt, wo sie zur Namensgeberin des gesamten Erdteils werden sollte. Zu den wichtigsten Ideen, die im Zusammenhang mit dem »Mythos Europa« in die Welt transportiert wurden, gehört die der Demokratie! Doch im Rahmen einer kulturellen europäischen Identität spielten dabei seit dem ausgehenden Mittelalter auch die Künste, besonders die Musik, eine zentrale Rolle. Unter dem Titel »Mythos Europa – Klänge Europas« lenkt das Festival seit 2021 den musikalischen Blick in ein Nachbarland. Nach Belgien, den Niederlanden, Italien, Österreich und Frankreich in den Vorjahren steht nun Großbritannien im Mittelpunkt.
Formal wurden England und Schottland erst 1707 durch die »Acts of Union« zum Königreich Großbritannien vereinigt. Der nun vorgestellte Rückblick auf charakteristische musikalische Schlüsselmomente und ihre Entwicklungen fokussiert sich auf London als eine der bis heute großen kulturellen Metropolen der Welt.
Bereits im Mittelalter spielten die englischen Minnesänger eine wichtige Rolle in der europäischen Musik. Parallel dazu waren – stark von der Kirche geprägt – Gregorianische Gesänge vorherrschend. In der Frührenaissance beeinflusste John Dunstable nachhaltig die Entwicklung der Harmonie und des Kontrapunkts. Unter der Tudor-Dynastie (1485 – 1603) erlebte die Musik eine Blütezeit. John Dowland brachte das Lautenlied zu unübertroffenen Höhen und William Byrd sowie John Taverner waren bedeutsam für die Entwicklung der Kirchenmusik. Nachdem Heinrich VIII. 1534 mit dem Papst gebrochen hatte, begründeten Komponisten wie Thomas Tallis, Christopher Tye und John Sheppard ihre anglikanische Ausrichtung, durch die sich an den Kathedralen und Universitäten die einzigartige Chortradition weiterentwickelte. Am Hof wurde wiederum die Masque zur angesagten musikalisch-dramatischen Unterhaltung. Henry Purcell schuf mit »Dido und Aeneas« eines der prägendsten Beispiele.
Doch nach dem frühen Tod des »Orpheus Britannicus« galt England fast 200 Jahre als »Land ohne Musik«. Fast ausschließlich aus dem Ausland »importierte« Komponisten wie Georg Friedrich Händel, Johann Christian Bach oder Joseph Haydn gaben an der Themse den Ton an. Händel machte zunächst die italienische Opera seria zum letzten Schrei. Ihm liefen aber Johann Christoph Pepusch und John Gay mit der »Beggar’s Opera« als Gegenentwurf einer »englischen Oper« den Rang ab. Darauf antwortete Händel mit der quasi-opernhaften Form des Oratoriums und etablierte es als neue Gattung. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts tauchte wieder eine Reihe bemerkenswerter heimischer Komponisten wie Edward Elgar, Ralph Vaughan Williams oder Gustav Holst auf, die neue Maßstäbe in der Sinfonik setzten. Parallel schuf ab 1871 das Autorengespann Gilbert & Sullivan ein damals völlig neuartiges Genre: die English comic opera. Zu den prägenden Komponisten ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählen Benjamin Britten, Michael Tippett, Peter Maxwell Davies, Harrison Birtwistle, Mark-Anthony Turnage und Thomas Adès. Ab den 1960er Jahren entwickelten sich dazu in den Gefilden von Pop, Rock & Co. ganz andere britische Musik-Exportschlager wie die Beatles, die Rolling Stones, Pink Floyd, David Bowie, Queen, Elton John, Depeche Mode oder Coldplay …
Das Spannungsfeld dieser reichen musikalischen Geschichte spiegeln dementsprechend einige Konzertprogramme wider. Alexander Chance und Fretwork erinnern mit Lautenliedern an den 400. Todestag von John Dowland. Tenebrae, eines der führenden britischen Vokalensembles, hat Werke der zeitgenössischen Komponistinnen Kerensa Briggs und Sarah Henderson im Gepäck, wohingegen das Ensemble Près de votre oreille in die Welt von William Lawes, dem 1645 früh verstorbenen Hofkomponisten von König Charles I., entführt. Cembalist Dmytro Kokoshynskyy wiederum vereint in seinem Programm drei führende Komponisten des Elisabetanischen Zeitalters: Thomas Tallis, William Byrd und Orlando Gibbons. Daneben sind The Gesualdo Six ein weiterer Repräsentant der britischen Chortradition und mit Organistin Anna Lapwood gastiert die aktuelle Überfliegerin der britischen Klassikszene. Sir John Eliot Gardiner, der Grandseigneur der britischen Alte Musik-Bewegung, stellt sich mit seinen neuen Ensembles, The Constellation Choir & Orchestra, vor und im Schlusskonzert steht mit Sir Simon Rattle ein weiterer der weltweit renommiertesten britischen Dirigenten am Pult.
